Brief aus dem Gefängnis Bozen, vom 29.11.1961

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SO WURDEN WIR SÜDTIROLER VON DEN CARABINIERI (ITALIENISCHE MILITÄRPOLIZEI) GEFOLTERT!

Mit großer Genugtuung haben wir vernommen, dass eine unglaublich große Volksmenge aus allen Teilen unseres Landes zusammengeströmt ist, um unserem guten Kameraden Franz Höfler das letzte Geleit zu geben. Wir konnten daraus mit Befriedigung schließen, dass das Südtiroler Volk zur gerechten Sache steht. Franz Höfler war ein netter, ruhiger Junge. Wir sind oft mit ihm im Hof spazieren gegangen; er hat uns erzählt von seinen grausamen Torturen, die er bei den Carabinieri durchmachen musste. Er klagte über ganz unbestimmte, uncharakteristische Beschwerden, seitdem er bei den Carabinieri mit den grausamsten Martern gepeinigt worden war. Franz Höfler sagte, dass er in seinem Leben nie eine Stunde krank war. Er sagte uns, seitdem er bei den Carabinieri diese Torturen durchgemacht hatte, fühle er sich nicht mehr gesund, bis er schließlich einmal im Hof während des Spazierganges über so furchtbare Schmerzen in der Brust- und Rückengegend klagte, dass er fast zusammenbrach. Dr. Sullmann leistete ihm die erste Hilfe und begleitete ihn in die Zelle. Er stellte fest: Beginnende Lähmungserscheinungen des ganzen linken Ober- und Unterarmes. Er erkannte sofort die Dringlichkeit und Schwere des Falles und beantragte die sofortige Einlieferung ins Krankenhaus; jedoch als ebenfalls Inhaftierter konnte seine Anordnung nicht befolgt werden und somit konnte er erst nach dreistündigem Abwarten des Gefängnisarztes ins Krankenhaus eingeliefert werden.

Liebe Landsleute, ihr werdet Euch wundern, dass einer unserer besten Kameraden gegangen ist. Wir alle wundern uns nicht, wir wundern uns nur, dass nicht einer oder mehrere schon während der Folterungen in der Torturenkammer tot liegen geblieben sind. Dass der liebe Verstorbene an den Folgen der Misshandlung gestorben ist, daran glauben wir, werdet Ihr alle nicht zweifeln. Anlässlich des Todes eines unserer Kameraden, der an den Folgen dieser schrecklichen Martern gestorben ist, möchten wir versuchen, Ihnen in groben Umrissen ein kleines Bild zu machen über die fast nicht zu glaubenden grausamen Misshandlungen sowie die teuflischen Verhöre und Verspottungen, die uns zugefügt worden sind. Wir betonen, nur ein kleines Bild, denn man kann das unmöglich in Worten schildern, das muss man persönlich erlebt haben. Offen gestanden, es war schrecklich, sodass wir alle noch heute zutiefst beeindruckt sind und davon gar nicht mehr sprechen wollen, da wir sonst von dem Gedanken gar nicht mehr loskommen und darunter die Nerven leiden. Aber einmal muss es gesagt werden, denn das ganze Südtiroler Volk soll und muss es wissen und es darf nicht verschwiegen werden, dass die Carabinieri uns fast bis zum Tode in grausamster Weise gemartert, verhöhnt und verspottet haben, besonders an den Geschlechtsteilen. Diese Martern kommen den ruchlosen Misshandlungen in den KZs gleich, wenn sie sie nicht gar an Bestialität, besonders an den Geschlechtsteilen, übertroffen haben.

{mosimage}Liebe Landsleute, nicht nur einen Toten haben wir zu beklagen, nein, wir haben auch viele Invaliden; zum Teil werden sie sicher lebenslänglich einen Defekt mit sich tragen und nur mehr halbe Menschen bleiben. Viele klagen über unbestimmte und uncharakteristische Beschwerden, andere klagen über dauernde Kopfschmerzen und Schwindelgefühl mit eigenartigem Rauschen im Kopf infolge von wiederholter Bewusstlosigkeit und Gehirnerschütterungen; da ja ein großer Teil bis zu stundenlanger Bewusstlosigkeit geschlagen wurde. Andere klagen über starke Nacken- und Wirbelsäulenbeschwerden, wieder andere über ziehende Schmerzen in der Nierengegend infolge von Nierenquetschung und dadurch blutigem Urin.

Einigen rinnt noch immer blutiger Eiter aus beiden Ohren heraus infolge des Zustandes nach beiderseitigem Trommelfelldurchbruch und dadurch Infektion und Einschränkung des Hörvermögens. Manche leiden unter hochgradiger Einschränkung des Sehvermögens. Mit chronischer Bindehautentzündung, infolge von stundenlangem Stehen vor Quarzlampen. Andere klagen über vollständige Schlaflosigkeit, Aufspringen und Aufschreien während des Schlafens, wieder andere über Nervenzerrüttung und dauerndem leichten Zittern am ganzen Körper. Wieder andere beschweren sich über chronische Magenentzündung infolge Verbrennung der Magenschleimhaut nach Einschüttung von Säuren. Nicht zu sprechen von den Fällen, die an Rippenbruch und Kieferbruch leiden, oder von Jenen, denen man die Zähne mit der Faust herausschlug und die übriggebliebenen noch wackeln. Weiters chronische, eitrige Entzündungen an den Zehen- und Fingernägeln mit Abgang des Nagels infolge von Quetschungen mit der Beißzange und Schlagen mit dem Gewehrkolben. Infolge von Streckung auf der Streckbank entstanden Narbenbrüche und weitere Narbenbildungen durch Verbrennungen von Zigaretten sowie Schlagen mit kantigen Gegenständen. Viele schauten schrecklich aus, infolge von Blutergüssen und wurstartigen Striemen am ganzen Körper. Sie sahen aus wie Christus nach der Geiselung. Vielen hatte man die Haut mit der Beißzange zusammengezwickt, wobei die Zange so gedreht wurde, dass man heute noch die Narben sieht. In den meisten Fällen wurden die Leute splitternackt aufs Grausamste gemartert, verhöhnt und verspottet. Bei vielen Kameraden wurden die Torturen und satanischen Verspottungen Tag und Nacht durchgeführt, man ließ sie nie zur Ruhe kommen. Zuerst mussten sie mit hochgehobenen Armen stundenlang in Habachtstellung stehen bleiben, beim Ermüden hauten sie ihnen mit dem Gewehrkolben oder mit der Faust ins Gesicht und unter die Achselhöhlen, bis sie schließlich nach stundenlanger Übermüdung zusammenbrachen, worauf man sie mit furchtbarem Gebrüll mit den Füßen stieß. Inzwischen wurden sie immer wieder in die Folterkammer geführt oder von zwei Carabinieri hineingeschleppt. Dann riss man ihnen unter furchtbarem Gebrüll und Wutausbrüchen die Kleider vom Leib bis zur vollständigen Nacktheit; zuerst die gewohnten schweinischen Verhöhnungen und Verspottungen, dann schlugen sie mit den unglaublich scherzhaften Stahlruten sowie Gewehrkolben und Fausthieben, bis sie bewusstlos zum Teil am Boden liegen blieben. Manche Kameraden haben sie in diesem Zustand am Boden liegen gesehen, mit halbgeschlossenen Augen und kein Lebenszeichen mehr von sich gebend, woraufhin sie sofort in eine Decke gehüllt und aus der Folterkammer hinausgetragen wurden. Andere spannte man splitternackt auf die Streckbank, wobei man ihnen die Wirbelsäule krümmte durch Unterlegen eines Holzkoffers. Und beim Heulen aufgrund der unbeschreiblichen Schmerzen schüttete man ihnen eine Säure in den Mund, sodass sie an unsagbarem Erstickungsgefühl litten und nicht hochkommen konnten. Einigen wurden sogar Käfer (2-3 cm große) auf den Nabel gelegt, wo diese dann das Bestreben hatten, in die Tiefe des Nabels zu krabbeln und dort die Haut zusammenzuzwicken. Die Kameraden erzählen, dass diese Streckbankfolterungen eine der grausamsten Martern war. Anderen wieder wurde je ein Korkpol ins Ohr gesteckt und beim Einschalten des Stromes ein unbeschreibliches Geräusch erzeugt, wobei sie einen intensiven Schmerz in den Ohren spürten, ihnen nachher Blut aus den Ohren rann und sie bis heute schwerhörig sind. In der Zwischenzeit mussten diejenigen, die noch fähig waren, wieder im Gang mit dem Gesicht zur Mauer stehen, aber viele trug man teils ohnmächtig und zusammengeschlagen fort, da sie infolge Ermüdung beim Stehen zusammenbrachen und am Boden lagen wie tote Hunde. Eine andere sehr grausame Folterung war, dass man sie in der mittleren Hochstellung mit beiden Armen nach rückwärts verschränkt stundenlang an das Stiegengeländer kettete. Eine Begleiterscheinung der grausamen Folterung war das unbeschreibliche Durstgefühl. Die meisten Kameraden sind ja mitten in der Sommerhitze verhaftet worden (Mitte Juli), und man gab ihnen keinen Tropfen Wasser, nicht einmal, um den Mund zu benetzen, und somit waren sie am ganzen Körper ausgetrocknet, besonders durch das starke Schwitzen beim Stehen vor der heißen Quarzlampe. Manche Kameraden erzählen, dass sie 4 – 5 Tage kein Wasser bekommen hätten. Eine weitere Begleiterscheinung der schrecklichen Torturen war, dass man sie nie zur Ruhe kommen ließ, bei manchen sieben Tage lang. Tag und Nacht ohne Unterbrechung wurden sie gequält, gemartert, verhöhnt und verspottet. Um ihren unglaublichen Hohn und Spott zu zeigen, spuckten sie manchem in den Mund oder steckten ihnen den schmutzigen Abortbesen in den Mund. Alles Hohn und Spott, den wir über uns ergehen lassen mussten.

Nun möchten wir noch kurz etwas berichten von den empfindlichsten Verhöhnungen satanischer und brutaler Art, um den ganzen Folterungen den Höhepunkt zu geben.

Wir schämen uns zwar, es zu erzählen, aber es muss gesagt werden. Es braucht wirklich eine teuflische Phantasie, dass Menschen zu so etwas fähig sind. Wie wir in unserem Schreiben schon dauernd betont haben, hatten es diese schweinischen Teufel hauptsächlich auf die Geschlechtsteile abgesehen. Splitternackt vor ihnen stehend, wurde uns das Geschlecht mit nicht auszudenkenden Phrasen verspottet und verhöhnt; dann machten sie sich lustig darüber. Sie zündeten mit einem höhnischen Lächeln eine Zigarette an und verbrannten uns mit einem arroganten Lächeln das männliche Glied und den Hodensack. Dann nahmen sie spitze Nadeln und stachen uns in die Geschlechtsteile. Ein anderer spannte eine Schnur der elektrischen Leitung und elektrisierte einige Kameraden am männlichen Glied, ein anderer zerdrückte ihnen die Hoden. Unter schrecklichem Wutgeheul drohte man ihnen, mit einem Messer das ganze Geschlechtsteil wegzuschneiden, damit endlich diese verfluchte Südtiroler Sippe aussterbe. Um das Schmerzgeheul der Kameraden zu übertönen, schalteten sie das Radio in voller Lautstärke ein.

Abschließend möchten wir nochmals betonen, dass wir nur versuchen, ein kleines Bild zu geben von dem, was sich in Wirklichkeit zugetragen hat. Man kann es nicht in Worten schildern, so grausam war es.

Und trotzdem bezeichnet man uns als die bestbehandelte Minderheit der Welt.

Die politischen Südtiroler Häftlinge

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