Tätigkeitsbericht 2023 des Südtiroler Heimatbundes

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Abschied nehmen musste der Südtiroler Heimatbund beinahe jeden Monat von einem Freiheitskämpfer. Bereits Anfang Jänner 2023 verstarb bei einem Autounfall der ehem. Pusterer Bui Heinrich Oberleiter. Seinen Einsatz für eine freie Heimat bezahlte der aufrechte Tiroler mit mehr als 60 Jahren Flucht und Verbannung. Nur an seinem Lebensabend durfte er noch einmal kurz seine Heimat sehen.

Im April verstarb in Obervintl Florian Weissteiner. Er war der vorletzte noch lebende der sieben „Pfunderer Buam“, die 1956 verhaftet, schwer misshandelt und 1957 und 1958 einem unglaublichen Justizverfahren unterworfen worden waren.

Der Traminer Freiheitskämpfer Anton Waid verstarb im Juni. Aufgrund des Spitzels August Stötter wurde Anton Waid nach der „Feuernacht“ des Jahres 1961 verhaftet und 1964 zusammen mit zahlreichen anderen Südtirolern in Mailand vor Gericht gestellt. Viele dieser Gefangenen waren von den Carabinieri nach ihrer Verhaftung schwerstens misshandelt worden. Am 16. Juli 1964 sprach das Mailänder Gericht das Urteil über 91 Angeklagte und verhängte 431 Jahre Haft. Anton Waid musste Mangels an Beweisen freigesprochen werden.

Der ehemalige Landesrat und Freiheitskämpfer Bruno Hosp verstarb im Juli. Bereits in seiner Schulzeit war der junge Hosp an handgreiflichen Auseinandersetzungen mit Neofaschisten beteiligt und wurde in der Folge „unsanften Polizeiverhören“ unterzogen, wie er berichtete. Im August 1957 lernte der Student Bruno Hosp seine Freunde Luis Amplatz und Sepp Kerschbaumer, den Gründer des „Befreiungsausschusses Südtirol“, kennen. So entstand am Ritten eine eigene BAS-Gruppe, der Bruno Hosp angehörte. Maßgeblich war er auch an den Sendungen des Geheimsenders „Radio Tirol“ beteiligt.

Im Alter von 95 Jahren ist Helmut Kritzinger, ein seinem Heimatort Sarnthein im Oktober verstorben. Er war Lehrer und Journalist, SVP-Obmann der Südtiroler Volkspartei (SVP) im Sarntal und Mitglied des SVP-Parteiausschusses und Gemeinderat in Sarnthein. Er musste Mangels an Beweisen im November 1961 wieder aus der Untersuchungshaft entlassen werden. Als 1962 eine neuerliche Verhaftung drohte, floh er nach Österreich. Was er in den Kerkern von Bozen und Trient gehört und gesehen hatte, ließ Kritzinger keine Ruhe. Am 5. Dezember 1962 verfasste Helmut Kritzinger für das Amt der Tiroler Landesregierung sechs Seiten langen erschütternden Bericht unter dem Titel „Wie Südtiroler von den Karabinieri gefoltert wurden“. Dieser Bericht befindet sich heute im Tiroler Landesarchiv in Innsbruck und im Archiv des „Südtiroler Heimatbundes“ und kann von dort als pdf-Datei angefordert werden.

Hermann Anrather verstarb im November. Nach der „Feuernacht“ des 11. auf den 12. Juni 1961 schlug auch für Hermann Anrather die Stunde des Unheils. Er wurde verhaftet und in der Carabinieri-Kaserne in Kurtatsch schrecklich gefoltert. Er wurde trotz des erfolterten „Geständnisses“ am 16. Juli 1964 in Mailand zu 2 Jahren und 8 Monaten Kerker verurteilt, in der Berufungsinstanz wurde die Strafe am 30. Juni 1966 auf 7 Jahre und 4 Monate angehoben. Am 2. Juni 1969 wurde er begnadigt.

Radiomacher Gabriel Torggler, der jede Nachricht des Heimatbundes mit seinem Südtiroler Rundfunk verbreitete, verstarb im März 2023. 

Der ehem. Carabiniere Bruno Budroni verstarb im Oktober. Er brachte durch seine in der Tageszeitung „Dolomiten“ am 7. September 2009 veröffentlichte Aussage Licht in eine dunkle Affäre: „Der Mord am Carabiniere Vittorio Tiralongo im Jahr 1964 wurde nie restlos aufgeklärt – jetzt gibt es eine neue Spur.“

Der frühere Carabiniere Bruno Budroni geht davon aus, dass ein Streit unter Carabinieri die Bluttat auslöste und die „Puschtra Buam“ mit dem Mord nichts zu tun haben.“ Auf diese Aussagen hin verkündete Staatsanwalt Rispoli, dass er den Fall Tiralongo erneut untersuchen wolle. Dann hörte man nichts mehr, bis die Tageszeitung „Alto Adige“ am 13. Dezember 2011 berichtete, dass die Ermittlung eingestellt und der Fall archiviert werde. Wir sind Budroni dafür dankbar, dass er Mut gezeigt hatte und seinem Gewissen gefolgt war.

Im Jänner 2023 machte der SHB durch die Aktion „Letzte Heimkehr von Andreas Hofer“ mit der Verteilung von 200 A. Hofer Kompasse auf die Heimkehr der Gebeine Hofers aufmerksam.

Für die am 27. Jänner erfolgte Tagesfahrt nach Innsbruck und die Führung durch den Nordtiroler Landtag sei der Abgeordneten Gudrun Kofler vielmals gedankt!

Am 10. Februar findet, wie alljährlich das Gedenken an Tausende von Italienern statt, die für die Verbrechen der Faschisten, an den in den istrischen und dalmatinischen Küstengebieten lebenden Volksgruppen bezahlt haben. Eine Delegation des SHB hat im Gedenken an alle Opfer heute am Denkmal für die Foibe-Opfer ein Blumengebinde niedergelegt und eine Gedenkminute abgehalten. Mit der Aussage „STOP WAR!“ wurde außerdem ein Ende des Krieges in der Ukraine gefordert. Auch an die Tausenden von deutschen Soldaten, Volksdeutschen, Kroaten usw., die in die Karsthöhlen geworfen wurden, sollte zumindest in Bozen gerechterweise auch gedacht werden.

Wie alle Jahre hat der Südtiroler Heimatbund am Jahrestag der Hinrichtung von Sophie und Hans Scholl sowie Christoph Probst (22. Februar 1943) an der Erinnerungs-Stele im Geschwister Scholl-Park in Bozen ein Blumengesteck niedergelegt. Auf der weiß-roten Schleife die letzten Worte von Hans Scholl vor seiner Hinrichtung: „Es lebe die Freiheit!“ Heute, achtzig Jahre später, gedenken wir der Verfolgung und brutalen Hinrichtung dieser jungen Patrioten. Patrioten deshalb, weil sie an das Gute in ihrem Volk und seine Zukunft glaubten und ein Zeichen setzten!

Siegesdenkmal: Renovierung zum 95. Jahr der Einweihung geplant? Eine hochkarätige Delegation aus Vertretern der Gemeinde Bozen, Land Südtirol und staatliches Denkmalamt präsentierten im März eine Studie über dieses Bauwerk. Das Schandmal brauche „Instandhaltungseingriffe“. Das Schandmal muss geschliffen, nicht renoviert werden, so der Heimatbund in seiner Stellungnahme.

Fest des Landespatron: Der SHB hat aus Anlass des Jubiläums 251 Jahre Ernennung des Hl. Josef zum Patron und Schutzherrn des Landes Tirol (Kaiserliches Dekret von Maria Theresias im Jahre 1772) dem „Seniorenwohnheim Vinzenzhaus“ in Bozen einen Besuch abgestattet. Dabei wurden, einer alten Tradition folgend, die nach dem Landespatron genannten St. Josef- Küchlein an die überraschten Heiminsassen und dem Pflegepersonal verteilt.

Bei der 45. Bundesversammlung am 18. April wurde der Bundesausschuss des SHB neu gewählt: Roland Lang (Obmann), Luis Pixner und Meinrad Berger (Stellvertreter), Verena Obwegs (Schriftführerin), Reinhild Campidell (Kassierin), Konrad Auer (Fähnrich), sowie Sepp Mitterhofer und Karl Trenkwalder (Beiräte) werden von den Anwesenden für weitere fünf Jahre einstimmig bestätigt. Für das verstorbene Bundesausschussmitglied Karl Anranter wird Dietmar Figl im Ausschuss mitarbeiten.

Am 7. Mai: Heimatbund besucht Solferino und Gedenkstätten Leider kaum zur Kenntnis genommen befinden sich entlang der Autobahn von Verona nach Mailand 3 wichtige Gedenkstätten bzw. Schlachtfelder der italienischen Einigungskriege zwischen Piemont-Sardinien und Österreich- Ungarn. In einer Zeit, in der an allen Ecken und Enden der Welt Kriege und Vertreibungen stattfinden, wollte der Südtiroler Heimatbund außerdem am internationalen Denkmal des Roten Kreuzes ein Zeichen für Menschlichkeit setzen. Die Reiseleitung der Kulturfahrt hatte dankenswerterweise der Landeskundler und Heimatpfleger Georg Hörwarter übernommen.

Recht auf Muttersprache: SHB- Obmann forderte im Mai von einer Versicherung den Gebrauch seiner Muttersprache, da er einen Brief nur in italienischer Sprache erhalten hatte. Da der SHB-Obmann diesbezüglich bereits vor Jahren beim Bozner Verwaltungsgericht einen Prozess angestrebt und gewonnen hatte, forderte er auch bei diesem einsprachigen Schreiben die Versicherungsgesellschaft auf eine deutsche Übersetzung zu liefern. Und erhielt sie auch!

Neue Broschüre: „BAS: Die geheimen Mitwisser und Förderer“. Was bislang aber auch wenig bekannt war, ist die Tatsache, dass es sich bei den damaligen Freiheitskämpfern nicht um leichtfertige Abenteurer gehandelt hat, sondern um eine Gruppe von Menschen, die ihre Aktionen mit Wissen und Unterstützung hoher und höchster politischer Kreise in Österreich und Südtirol geplant und durchgeführt hat. Heute ist diese Brisanz nicht mehr gegeben.

Der Historiker Dr. Helmut Golowitsch dokumentiert anhand öffentlich zugänglicher und damit überprüfbarer Unterlagen, wie höchste Politiker in Südtirol und Österreich über die Planungen des „Befreiungsausschusses Südtirol“ (BAS) informiert worden waren und wie sie dessen Vorhaben gebilligt und zum Teil unterstützt hatten. Inzwischen ist die Broschüre auch in italienischer Sprache erhältlich.

100 Jahre „Alto Adige“ und Verbot des Namens „Tirol“. Am 8. August 1923, also genau vor 100 Jahren, wurden mit einem Rundschreiben des damaligen Präfekten der Provinz Trient die Bezeichnungen „Süd-Tirol“, „Deutschsüdtirol“, „Tirol“, „Tiroler“ und sämtliche übrige Ableitungen verboten. Dies geschah in Durchführung der vom Großrat des Faschismus am 12. März 1923 beschlossenen „Maßnahmen für das Hochetsch zum Zwecke einer geordneten, schnellen und wirksamen Aktion zur Assimilierung und Italianisierung“. Einzig für zulässig erklärt wurden die Begriffe „Alto Adige“ und „Atesino“ sowie die deutschen Rückübersetzungen „Oberetsch“ und „Etschländer“.

Der Südtiroler Heimatbund machte mit einer Südtirolweiten Plakataktion auf das 100. Jubiläum dieser faschistischen Maßnahmen aufmerksam. Auf dem Plakat heißt es: „100 Jahre Alto Adige. 100 Jahre Kulturverbrechen. Schluss damit!“

„Historikerin Lun: Geschichte des Mussolini KZs muss in die Schulbücher!“ Die Wahrheit über das in Blumau bestandene Konzentrationslager der italienischen Faschisten muss in die Südtiroler Schulbücher, sagte am 1. September auf der Gedenkfeier für die Häftlinge das „Campo di concentramento Campo Isarco“ die Südtiroler Historikerin Dr. Margareth Lun. Die Gedenkfeier wurde gemeinsam vom SHB mit weiteren Organisationen veranstaltet.

Am 8. Dezember hatte in St. Pauls die „Kerschbaumer-Gedenkfeier“ zum Andenken an die verstorbenen und noch lebenden Tiroler Freiheitskämpfer der 1960er Jahre stattgefunden. Gedenkrednerin war dieEnkelin des Freiheitskämpfers Jörg Klotz, die Nordtiroler L. Abg. Gudrun Kofler.

Broschüre „Ortsnamengebung in Südtirol“. In Südtirol wurde auf politischer Ebene bis vor Kurzem immer wieder behauptet, dass alle drei faschistischen Ortsnamen-Dekrete noch rechtskräftig wären. Doch konnte diese Behauptung unlängst widerlegt werden: Tatsächlich ist es nur mehr ein Dekret, jenes aus dem Jahr 1923, das noch in Kraft ist.

In der vorliegenden Broschüre zeigen zwei auf ihrem Fachgebiet ausgewiesene Experten auf, was diese neue Rechtslage für die Ortsnamengebung in Südtirol bedeutet und welcher neue Handlungsspielraum sich dabei auftut.

Der Rechtsexperte Prof. Dr. Peter Hilpold von der Universität Innsbruck und der Sprachwissenschaftler Dr. Cristian Kollmann haben zwar, da aus unterschiedlichen Disziplinen kommend, ebenso unterschiedliche Zugänge zur Thematik, doch ihre Kernaussagen sind dieselben: Die einzig amtlich gültigen Orts- und Flurnamen sind in Südtirol – bis auf wenige Ausnahmen – nur jene, die im Dekret von 1923 aufgelistet sind. Um so mehr sehen die beiden Autoren auf politischer Ebene dringend Handlungsbedarf, und dabei gelte es, auch die Wissenschaft anzuhören.

Mit der im Dezember erschienenen neuen Toponomastikbroschüre, die die beiden Expertisen beinhaltet, will der Südtiroler Heimatbund möglichst viele politische Verantwortungsträger und auch sonstige interessierte Bürger erreichen und ihnen fundiertes Wissen vermitteln und damit eine Argumentationshilfe bieten.

Dem Bundesausschuss und allen, denen die Freiheit unseres Landes noch ein echtes Anliegen ist und dem SHB auch 2023 mit Rat und Tat beigestanden sind, sei zum Abschluss herzlich gedankt. Nicht zuletzt auch jenen, die mit ihren Spenden unseren Einsatz möglich machen. Vergeltsgott!

Roland Lang
Obmann des Südtiroler Heimatbundes

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